29. Dezember 2020

Abschied – oder wie soll ich sagen?


„Ich bin dann mal weg“, so nannte Hape Kerkeling sein Buch. Er schrieb es, als er merkte, es geht nicht mehr so weiter in seinem Leben. Und dann machte er sich auf dem Jakobsweg auf Pilgerreise.

„Ich bin dann mal weg“, so wollte ich diesen Artikel nicht überschreiben. Ja, ich gehe in den Ruhestand, aber so ganz weg bin ich ja nicht, ich bleibe in Ottweiler wohnen. Zum 1. Januar 2021 geht aber die Zeit meines aktiven Pfarrerseines zu Ende. Nach über 31 Jahren Dienst im Auftrag der Evangelischen Kirche, im Dienst der Kirche Jesu Christi hier in unserer Ottweiler Kirchengemeinde geht diese Phase für mich nun vorbei. Ich freue mich, dass ich Kolleginnen habe, die die Verantwortung weitertragen, dass wir ein Presbyterium haben, das mit großem Ernst die Gemeinde leitet und die Entwicklungen begleitet, ob das jetzt der Ruhestand ist un d die Frage, wie es danach weitergeht, ob es die miserable Finanzlage der Gemeinde ist oder die Coronakrise. Da ist unsere Ev. Kirchengemeinde Ottweiler gut aufgestellt. Von daher kann ich auch Verantwortung gut abgeben. Ich freue mich auch zu erfahren, wie es sich nach Jahrzehnten anfühlt, wieder ohne Telefon am Bett zu leben. Und ich hoffe auch auf andere positive Entwicklungen bei mir selbst. Die letzten 5-6 Jahre waren beruflich nicht ohne gewesen, haben ihre Spuren hinterlassen. All die Fragen, die mit der Veräußerung der Gebäude zu tun haben, die haben mich emotional sehr belastet, tun es immer noch. Das hat mich nicht nur in den Gremien beschäftigt, auch zuhause und manchmal bis in den Schlaf bzw. dann nicht mehr Schlaf. Das ging und geht anderen im Presbyterium auch so, macht es aber nicht besser.  Auf der anderen Seite -die gibt es  auch immer-  tut es mir auch leid, der Gemeinde in diesen schwierigen Zeiten nicht mehr so zur Verfügung zu stehen.

Wir leben in Zeiten der Veränderung. Die Anforderungen werden anders, manches, denke ich, muss ich auch nicht mehr mitmachen.

Wir haben natürlich immer schon in Zeiten der Veränderung gelebt.

Ein paar Stationen meiner Zeit in Ottweiler, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder richtige Reihenfolge.

1. April 1989 war mein offizieller Arbeitsanfang in Ottweiler. Meine erste (und damit wohl auch einzige) selbständige Pfarrstelle mit allen Rechten und Pflichten. Das Presbyterium hatte mich gewählt,

Vorsitzende war damals Frau Edeltrud Krause gewesen. Es gab die Kollegen Superintendent Ohly, Pfarrer Schmidt-Arendse und Pfr. Thömmes. Es gab die BRD und die DDR. Die Zeiten ändern sich, manchmal schnell. Die CD, heute schon wieder veraltet, löst die Schallplatte ab. Es gibt noch keine Smartphones, aber die Digitalisierung nimmt an Fahrt auf. Die Mauer zwischen Ost und West fällt. Unglaublich, hätte ich nicht zu meinen Lebzeiten erwartet. Pfr. Ohly wird Beauftragter der Landeskirche bei der saarländischen Landesregierung, Pfr. Schmidt-Arendse, nicht mehr gesund, geht in den Ruhestand. Pfr. Heidmann und Pfrin. Reusch (erste Pfarrerin in der Gemeinde) folgen. 1991, die Sowjetunion zerbricht, Bosnienkrieg, später die Ausweitung zum Jugoslawienkrieg. Irakkrieg, Afghanistan, Völkermord in Ruanda, Friedensgebete zusammen mit der katholischen Gemeinde. Die Ökumene wird immer besser.  Eine Podiumsdiskussion damals zur Friedensfrage. Viele kommen jetzt aus Russland zu uns, bringen neue Namen mit, sind heute oft treue Gemeindeglieder. Pfr. Erhard Maey soll mich bei der Arbeit im Pflegeheim „Seid getrost“

unterstützen. 1994 meine Heirat mit Angelika, jetzt sind wir zusammen mit Tochter Lisa eine Familie.

Vorsitzende war damals Frau Edeltrud Krause gewesen. Es gab die Kollegen Superintendent Ohly, Pfarrer Schmidt-Arendse und Pfr. Thömmes. Es gab die BRD und die DDR. Die Zeiten ändern sich, manchmal schnell. Die CD, heute schon wieder veraltet, löst die Schallplatte ab. Es gibt noch keine Smartphones, aber die Digitalisierung nimmt an Fahrt auf. Die Mauer zwischen Ost und West fällt. Unglaublich, hätte ich nicht zu meinen Lebzeiten erwartet. Pfr. Ohly wird Beauftragter der Landeskirche bei der saarländischen Landesregierung, Pfr. Schmidt-Arendse, nicht mehr gesund, geht in den Ruhestand. Pfr. Heidmann und Pfrin. Reusch (erste Pfarrerin in der Gemeinde) folgen. 1991, die Sowjetunion zerbricht, Bosnienkrieg, später die Ausweitung zum Jugoslawienkrieg. Irakkrieg, Afghanistan, Völkermord in Ruanda, Friedensgebete zusammen mit der katholischen Gemeinde. Die Ökumene wird immer besser.  Eine Podiumsdiskussion damals zur Friedensfrage. Viele kommen jetzt aus Russland zu uns, bringen neue Namen mit, sind heute oft treue Gemeindeglieder. Pfr. Erhard Maey soll mich bei der Arbeit im Pflegeheim „Seid getrost“ unterstützen. 1994 meine Heirat mit Angelika, jetzt sind wir zusammen mit Tochter Lisa eine Familie. PC und Internet kommen auf, halten Einzug auch in mein Arbeitszimmer, verändern die Arbeit, machen sie schneller, oft anspruchsvoller.

Schon damals finanzielle Not der Gemeinde. Ich gehe auf halbe Pfarrstelle, bald danach wechselt. Pfr. Thömmes beruflich zum Kirchenkreis. Pfr. Plagge kommt im Oktober 1998 dazu, absolviert bei uns seine Zeit „zur Anstellung“, wie das heißt. Das Millennium, das Jahr 2000. Das mit einem Gottesdienst an Silvester 1999 zu feiern, das ist nicht jedem Kollegen gegeben. Wer erlebt schon einen Jahrhundertwechsel und wer gar einen Jahrtausendwechsel? Viel Hoffnung gab es damals, und persönlich habe ich auch schöne Erinnerungen an dies Jahrzehnt. Dennoch war es nicht einfach, der 11. September 2001 mit dem Terrorangriff auf die Hochhaustürme des World-Trade-Center in New York und das Pentagon in Washington haben die Welt nachhaltig verändert. Ich kann mich noch gut an den Nachmitttag und die Bilder im Fernseher erinnern. In der Folge Afghanistan-Krieg, Irakkrieg, viel Leid und Not, viele Flüchtlinge. Der Euro wird eingeführt, neues Geld. Frühere Generationen haben da mehr Erfahrung. Pfr.z.A. Plagge verlässt 2002 die Gemeinde wieder, ein Jahr später auch Pfrin Reusch, keine einfache Situation damals.

Pfrin. Schmitt-Pridik kommt, sie hat in ihrer Zeit bei uns ihre Promotion abgeschlossen, 2006 geht sie in den Ruhestand. Pfr. Martin Beckschulte wird in die freie 1. Pfarrstelle gewählt, im Frühjahr 2004 beginnt er seinen Dienst. Auf der Welt greift die Finanzkriese um sich, Schuldenkrise in

Griechenland, bis heute leiden die Griechen darunter. Auch das nächste Jahrzehnt beginnt hoffungsvoll: Der arabische Frühling, Freiheits- und Demokratiebewegungen in vielen Ländern, aber im großen Ganzen bald wieder abgewürgt. In der Folge der Syrienkrieg, er bringt millionenfaches Leid über die Menschen und viele fliehen, suchen ihr Heil in Europa. Die Situation in Syrien ist bis heute katastrophal, die vieler Flüchtlinge auch. Gegen die menschenverachtenden und für mich auch unchristlichen Entwicklungen „anzupredigen“, die sich mit der Ablehnung der Flüchtlinge bei uns verstärkt hat, ist und bleibt Aufgabe. Es gibt keine Menschen zweiter Klasse. Es gibt nur Menschen, Schwestern und Brüder.

2015 der Beschluss des Presbyteriums, die Gemeindehäuser in Ottweiler und in Mainzweiler und die Kirchen in den Außenorten zu veräußern. Der Kirchengemeinde fehlte und fehlt das Geld, um die Gebäude auf Dauer zu erhalten. Mir fällt als damals Vorsitzendem die Aufgabe zu, das in einer Gemeindeversammlung zu verkünden, auch im Fernsehen das zu erklären. Diese Zeit hat alle viel Kraft gekostet, auch mich. Das Thema beschäftigt uns bis heute. 2017 das große Reformationsjubiläum, vor 500 Jahren hatte Martin Luther seine 95 Thesen zu Missständen in der damaligen Kirche veröffentlicht. Auch in 2017 übernimmt Pfr. Beckschulte eine neue Pfarrstelle und verlässt die Ottweiler Gemeinde.  Im Juni 2018 wird Pfrin. Paaries die Pfarrstelle übertragen. Ein paar Monate später die Verabschiedung des Kollegen Jörg Heidmann, Mitstreiter in der Gemeindearbeit seit 28 Jahren, schon eine Art Zäsur. Ein ¾ Jahr später schon konnten wir Frau Christina Wochnik  als Pfarrerin der 2. Pfarrstelle einführen. Dann im März 2020 Corona. Ich habe noch den letzten Gottesdienst unter „normalen“ Bedingungen gefeiert. Hatte mich gefreut, ganz bewusst noch einmal Ostern zu feiern und die anderen Feiertage, bevor ich selbst in den Ruhestand gehe. Wollte nochmal mit den Frauenhilfen zusammen sein, vielleicht eine Fahrt machen, bewusst Abschied nehmen. Stattdessen Lockdown, Internetangebote, Videoandachten, Isolation: der Schutz der Gemeindeglieder geht vor.

Ich habe in den über 30 Jahren in der Ev. Kirchengemeinde Ottweiler viele Menschen kennen- und auch schätzen gelernt. Ob in den Gruppen und Kreisen, ich erinnere mich noch gerne an interessante Diskussionen etwa im Kreis „Bibel, Welt und Leben“ den Pfr. Heidmann und ich über viele Jahre betreut haben, ob im Presbyterium oder in den Ausschüssen, ob in der Konfirmandenarbeit oder auch im Kirchenkreis. Gottesdienste habe ich immer gerne gefeiert. Diejenigen, die mich kennen und meine Gottesdienste über die Jahre verfolgt haben, wissen, dass mir bestimmte Themen besonders wichtig waren und immer noch sind. Dazu gehören die Nächstenliebe, also auch der Umgang mit meinen Mitmenschen, die Fragen nach Frieden und Gerechtigkeit, die

Menschenwürde und die Bewahrung der Schöpfung. Jeder Konfirmandenjahrgang hat beim Thema „Schöpfung“ auch etwas über die Gefahren durch den Klimawandel mitbekommen und ich freue mich, dass die Thematik jetzt in der Gesellschaft angekommen zu sein scheint und gerade die Jungen sie vorwärts treiben. Das Pflegeheim „Seid getrost“, heute unter dem Namen „Häuser im Eichenwäldchen“, gehört zu meiner Arbeit; die Menschen mit Einschränkungen, die dort leben, brauchen viel Unterstützung, Liebe und Zuwendung, geben aber auch viel zurück. Gerne erinnere ich mich an Feste und Feiern, an viele Gottesdienste und Begegnungen. Der Chor "Liedscha unn so“  ist aus der Arbeit hervorgegangen, der auch bei Gemeindefesten oder Neujahrsempfängen unserer Kirchengemeinde gesungen hat. Das Gedenken an die Pogromnacht am 9. November, gemeinsam mit der kath. Schwestergemeinde “Maria Geburt“ und ihren Mitarbeitenden und mit der Stadt Ottweiler im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus, ist und bleibt wichtig. Überhaupt die Ökumene vor Ort, gemeinsame Gottesdienste und Feiern, Sitzungen und Begegnungen, all das ist wertvoll und bereichert die Menschen in unseren Gemeinden.

Die Frauen waren Vorreiter der Ökumene hier gewesen, die Ökumenische Vereinbarung soll Erreichtes festhalten und Schritte in die Zukunft weisen. Die Frauenhilfen waren oft Orte der guten Gespräche, der guten Kuchen auch. Und manche Fahrt hat neue interessante Erfahrungen gebracht. Danke an die

Frauenhilfen und ihre Leiterinnen. Oft war mir die Gitarre eine Hilfe, ob in den Frauenhilfsstunden, im Kindergarten, in der Konfirmandenarbeit oder bei Festen. Da bin ich dankbar, dass ich mit meinen autodidaktischen Fähigkeiten doch ein wenig erreichen konnte, Begleitung zum singen oder Freude am zuhören.

Der Gemeindebrief selbst gehört zu meinen Aufgaben, lange Jahre habe ich ihn allein erstellt, das Layout gemacht, Beiträge verfasst. Jetzt gibt es wieder einen Redaktionskreis, und Layout und Aussehen haben sich geändert, sind vor allem bunter geworden. Wir leben wie gesagt in einer Welt, in der die Veränderung das einzig dauerhafte ist. Ich würde mich freuen, wenn es mir an der ein oder andern Stelle gelungen ist, Trost  zu spenden, Trauer mit zu tragen und vielleicht einen neuen Gedanken oder Blickwinkel gegeben zu haben. Ich weiß auch, dass ich manche Erwartung nicht erfüllt habe, dass ich Menschen enttäuscht habe, dass  ich nicht da war, als sie mich gebraucht haben. Das tut mir Leid und ich hoffe, dass sie mir vergeben können.

Dank an alle, die mich in der Zeit begleitet und unterstützt haben, meine Familie, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, haupt- und ehrenamtlich, ob im Gemeindeamt, in der Kirchenmusik, in den Kitas, in der Konfirmandenarbeit, in der Jugendarbeit, im Küsterdienst, Gemeindeglieder, Freunde und Freundinnen. Es geht nur gemeinsam.

Danke allen und Gott befohlen,

Pfr. Erhard Kern





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